Wenn ein Radsportler läuft…

Am vergangenen Sonntag lief unser Vereinsmitglied Werner Sauerwald seinen ersten Marathon. Lest wie es dazu gekommen ist, wie ein Radfahrer seinen ersten Marathon angeht und wie es ihm dabei ergangen ist.

Im Herbst 2017 sagte mir meine Frau das Sie 2018 ihren letzten Marathon laufen möchte. Am liebsten natürlich in Berlin, denn dort ist Sie immer gerne und schon fünfmal gelaufen.

Da kam mir der Gedanke, dass ich Sie diesmal nicht am Straßenrand anfeuere und unterstütze, sondern als Läufer begleite. Sollte ja kein Problem sein, schließlich bin ich schon diverse Jedermannrennen, dreimal die große Runde beim Dolomitenmarathon, zweimal den 16 Talsperrenmarathon usw. gefahren. Da sollte doch ein Spaziergang von 42 km drin sein, und dann noch eine Flachetappe ohne nennenswerte Hm. 

Das erste Hindernis, es sollte eine Überraschung für meine Frau sein, wie bekommen wir beide einen Startplatz? Startplätze gibt es nur über ein nicht übertragbares Losverfahren. Dazu habe ich erstmal nur meine Frau angemeldet. Sie hatte Glück und bekam einen der begehrten Startplätze. Nun musste ich noch einen Startplatz bekommen. Von einem guten Freund, der Mitarbeiter eines Sponsors ist, bekam ich einen Anmeldecode. Jetzt konnte das Training los gehen.

Meiner Frau sagte ich erstmal das ich 2018 mal weniger Rennrad fahren wollte und mich mit joggen fit halten wollte. Sie war begeistert, da Sie nun nicht mehr alleine laufen musste. Im Oktober 2017 begann ich langsam mit dem Training. Nachdem ich die ersten 5 km (7:17/km) lief, dachte ich das ich mit dieser Zeit im Besenwagen sitzen würde. Von Monat zu Monat lief es aber besser. Anfang 2018 nahm ich an der Winterlaufserie in Duisburg teil. Die 5 km lief ich da in 27:35 (5:25/km). Den 2. Lauf einen Monat später über 7,5 km (46:01 / 6:01/km) überstand ich auch ganz gut.

Danach hatte ich beim Laufen auf einmal starke Schmerzen im rechten Knie. Im normalen Alltag war alles okay. Also ab zum Orthopäden, von dem ich eine Bandage fürs Knie verschrieben bekam. Damit wurde es besser und ich konnte den 3. Lauf der Winterlaufserie (10 km in 59:16 / 5:51/km) und 10 km beim Venloop in 56:16 (5:31/km) ohne Probleme laufen. Ab da habe ich erstmal vorsichtig weiter trainiert, denn ich wollte mich nicht wieder verletzen. Meiner Frau hatte ich mittlerweile schon von meinem Plan erzählt und Sie freute sich riesig.

April und Mai verliefen dann auch ohne weitere Schwierigkeiten und dann kam im Juni mein erster Halbmarathon in Duisburg. Diesen lief ich in 2:10:31, Platz 38 in meiner Altersklasse.

Hier merkte ich, dass ich in Zukunft mal öfters längere Läufe absolvieren muss. Gesagt, getan.

Von nun an lief ich Sonntags immer eine längere Strecke. Im Juni habe ich mir dann noch ein neues paar Laufschuhe zugelegt, mit denen ich wie auf Wolken lief. In der Woche versuchte ich mit mehr Tempo zu laufen und Sonntags dann die längeren Läufe etwas langsamer. Der Sommer wurde dann sehr heiß und ich konnte dann nicht so trainieren wie ich wollte. Die Läufe wurden trotzdem von Woche zu Woche länger, da ich die Hitze nicht so schlimm fand. Zwischendurch hatte ich hin und wieder einen Durchhänger und die Gelenke zwickten der Reihe nach. Ich zweifelte ob ich so den Marathon schaffen würde. Als ich Ende August dann das erstmal 31km am Stück lief, waren alle Zweifel wie weg geblasen.

Am 2. September lief ich in Bochum meinen 2. Halbmarathon mit persönlicher Bestzeit von 2:00:38, ich fühlte mich topfit und hoffte das es bis Berlin so bliebe. Obwohl ich die Trainingseinheiten reduziert hatte, fühlte ich mich eine Woche vor Berlin schwach und schlapp. Ruhepuls und Trainingspuls waren okay, aber trotzdem war da etwas. Am letzten Sonntag vor dem Marathon lief ich dann noch mal 17 km, und alles war wieder im Lot. Keine Ahnung was war, vielleicht nur die Angst das ich es nicht schaffe. Oder der Respekt vor dem Mann mit dem Hammer. Der sollte ungefähr ab Kilometer 30 stehen und jeden Marathonläufer umhauen.

Jetzt war auch die letzte Woche vor dem Marathon da.

Montag: Nochmal Vollgas mit dem Italiener, ERG Challenge Bergzeitfahren

Dienstag: Lockere Runde mit dem Tandem

Mittwoch: Joggen

Donnerstag: Sachen packen für den großen Tag

Freitag: Flug nach Berlin, Startunterlagen abholen und etwas Sightseeing

Samstag: Sightseeing, aber die Beine so wenig wie möglich einsetzen, alles für den Marathon checken

Dann war er auch schon da, der große Tag. In der Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen und war schon früh wach. Meine Frau und ich sind um 6 Uhr aufgestanden und haben in Ruhe gefrühstückt. Nichts anderes wie sonst, keine Experimente. Im Anschluss haben wir uns für den Marathon fertig gemacht und sind langsam los. Am Brandenburger Tor noch schnell ein Foto, Bekleidungsbeutel abgeben und ab in den Startblock. Bis zum Start hatten wir noch etwas Zeit. Die verging aber schnell da die Stimmung im Startblock super war und man sich mit anderen Teilnehmern austauschte. So wurde auch unser Startblock nach vorne geführt und die Zeit zum Start runter gezählt. Es ging los. Nach 1,5 km hatten wir die Pacemaker (4:30) überholt. Es lief super und ich fühlte mich gut, so könnte es weitergehen. Wir liefen um die 6:00/km.  An den Getränkestellen hat meine Frau mich jedesmal abgehangen und ich musste Tempo machen um die 100 Meter Lücke wieder zu schließen.

An der Halbmarathonmarke (2:10:45) dachte ich noch ich würde es in 4:30 schaffen. Bei Kilometer 25 wurde meine Frau dann etwas langsamer, Ihre Füße schmerzten. Sie sagte mir ich sollte alleine weiterlaufen. Ich war mir aber nicht sicher ob ich es soviel schneller schaffen würde und wollte Sie auch nicht alleine lassen. Aber Sie drängte mich immer weiter, sodass ich ab Kilometer 27 alleine weiter lief. Was heißt alleine, ich sah vor mir nur Läufer und rechts und links der Strecke standen Tausende und feuerten uns an. So richtig schneller war ich aber doch nicht, ich hatte schon Mühe 6:30/km zu laufen und dann war da die Sorge um meine Frau. Meine Frau fehlte mir als Tempomacher. Ab Kilometer 30 wartete ich auf den Mann mit dem Hammer. Wie der wohl aussieht? Ich habe ihn nicht gesehen. Kurz darauf sah ich die Pacemaker (4:30) so 300 Meter vor mir, die haben bestimmt abgekürzt. Ab Kilometer 32 stellte ich mir gedanklich meine Hausstrecke vor und zählte so Kilometer runter. Umdrehen wäre jetzt auch blöde. Endlich kam der Potsdamer Platz in Sichtweite und nun wusste ich, dass ich es schaffen würde. Die Zeit war mir mittlerweile egal, da ich mir immer noch Sorgen um meine Frau machte. Wo Sie wohl war und wie es Ihr ging?

Ein paar Kurven weiter sah ich endlich das Brandenburger Tor, es wurde auch Zeit. Ich versuchte noch einmal etwas Tempo zu machen, aber da war nicht mehr viel. Die Zuschauer rechts und links gaben alles um uns Läufer anzufeuern. Ich lief durchs Brandenburger Tor und nun waren es noch 200 m, eigentlich zu kurz. Denn die Stimmung im Zielbereich war das Beste, man wurde richtig nach vorne gepusht. Endlich war ich im Ziel, ich hatte es geschafft, 42,195 km in 4:37:26 ohne Fahrrad. Es war schwer, besonders zum Schluss. Ich bekam meine Medaille und nahm mir eine Plastikfolie um mich warm zuhalten. Auf dem Handy sah ich das meine Frau mittlerweile auch im Ziel war, 6:24 Minuten nach mir. Also hätte ich auch bei Ihr bleiben können. Wir haben es beide geschafft und es ging uns gut.

Fazit: Mit meinem Ergebnis (Ziel war unter 4:40) bin ich vollkommen zufrieden, schließlich war es mein erster Marathon, ich bin früher nie gelaufen und bin mittlerweile 60 Jahre alt. Ich würde diesen einen Marathon immer wieder noch einmal laufen, werde aber in Zukunft keinen mehr laufen. Der Eine war okay und soll in guter Erinnerung bleiben. In Zukunft werde ich aber neben dem Rennrad fahren weiterhin ab und zu laufen, besonders in den Wintermonaten. Denn etwas Abwechslung tut ganz gut.

Empfehlen kann ich die Veranstaltung in Berlin (auch wenn es nicht ganz billig ist) auf jeden Fall. Meine Frau ist dort sechsmal gelaufen und es war jedesmal ein Erlebnis. Egal ob Regen oder Sonnenschein, die Stadt ist an diesem Tag in Partystimmung und es gibt an der Strecke nicht einen Meter an dem kein Zuschauer steht. Das habe ich dieses Jahr mit eigenen Augen gesehen.

Bilder von https://www.sportograf.com/de/shop

 

 

3 Gedanken zu „Wenn ein Radsportler läuft…

  1. WOW!!! Werner! Was stecken da für Talente in Dir! Es hat große Freude gemacht, den Artikel zu lesen und ein Stück „mitzulaufen“. Vielen Dank und Herzlichen Glückwunsch an Deine Frau und Dich zu der tollen Leistung und dem schönen Erlebnis in Berlin. Ein feiner Zug von Dir! Und Lauf gerne noch einen! Aber bitte schreib auch einen Artikel :-)!

  2. Ich danke Euch beiden für das positive und nette Feedback. Ich weiß einmal ist keinmal, aber ich möchte nächstes Jahr die Tretmühle und den Italiener wieder mehr bewegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.