Montag, 15. Juni 2026.
Ich komme gerade von einer kleinen 5-km-Laufrunde zurück. Die Beine fühlen sich etwas schwerer an als sonst, aber eigentlich war alles gut machbar. Das überrascht mich selbst, denn vorgestern bin ich 333 Kilometer Fahrrad gefahren. An einem Stück. An einem Tag. Von Essen bis an die Nordsee – genauer gesagt nach Bensersiel.
Obwohl es erst zwei Tage her ist, wirkt es schon wieder unglaublich weit entfernt. Fast ein bisschen surreal.
Wenn man sich in der Instagram-Bubble umsieht, könnte man mittlerweile meinen, 300 Kilometer seien völlig normal geworden und 200 Kilometer die neuen 100. Für mich ist das definitiv nicht so. Noch am Mittwoch saß ich zehn Kilometer auf dem Rad und war mir nicht sicher, ob ich an dem Tag überhaupt zwanzig schaffen würde.
Vom Traum der 200 km zu 333 Kilometern
Letztes Jahr hatte ich mir fest vorgenommen, nach zehn Jahren auf dem Rennrad endlich die 200-Kilometer-Marke zu knacken. Mit der Unterstützung von drei großartigen Menschen aus meinem Radclub war das doch überraschend problemlos möglich.
Das eigentlich Überraschende kam danach: Mir ging es viel zu gut.
Zu gut für jemanden, der sich immer gesagt hatte: „Einmal im Leben 200 Kilometer am Stück fahren.“
Also begann ein neuer Gedanke zu wachsen: Vielleicht wären 300 Kilometer möglich?
Alleine traute ich mir das allerdings nicht zu. Bei der Suche nach einer passenden Veranstaltung stieß ich auf die Nordseetour der ERG. Einige Bekannte hatten bereits begeistert davon erzählt. Im Radclub fragte ich herum, ob jemand mitfahren möchte, aber entweder fehlte die Motivation oder das Wochenende passte nicht.
Also meldete ich mich alleine an.
Als ich die Teilnahmegebühr von 300 Euro sah, musste ich erst einmal schlucken. Ein Euro pro Kilometer – die letzten 33 Kilometer gibt es gratis dazu.
Rückblickend kann ich sagen: Das Geld war hervorragend investiert. Glück kann man also vielleicht doch ein kleines bisschen kaufen.
Was bekommt man für 300 Euro?
Eine grandiose veranstaltung.
Herzliche Menschen.
Neue Freundschaften
Und ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst.
Man merkt schnell, dass man nicht die einzige Bekloppte ist, die nachts um zwei Uhr aufsteht, um um vier Uhr morgens auf dem Fahrrad zu sitzen.
Bereits im Vorfeld bekommt man ausführliche Briefing-Mails von Maik, dem Organisator. Darin wird genau erklärt, wie man sich vorbereitet, was man mitbringen sollte und welche Voraussetzungen sinnvoll sind.
Meine persönliche Empfehlung: Wer die Tour fahren möchte, sollte vorher bereits 200 Kilometer gefahren sein. Ich finde, 150 Kilometer reichen nicht aus, um wirklich einschätzen zu können, was einen auf 300 Kilometern erwartet.
Außerdem sollte man bereits Erfahrung im Gruppenfahren gesammelt haben. Windschatten, Kommandos und das Fahren im Verband machen die Tour deutlich angenehmer.



Rundum sorglos bis zur Nordsee
Ziemlich geile Guides, die sich den ganzen Tag für die Gruppe in den Wind werfen und dafür sorgen, dass man überhaupt bis an die Nordsee kommt.

Dazu gibt es ein Begleitfahrzeug, das quasi den ganzen Tag hinter der Gruppe herfährt. Das klingt erstmal unspektakulär, macht aber einen riesigen Unterschied. Du musst keine Regenjacke, keine Wechselklamotten und keinen sonstigen Kram mitschleppen. Wenn das Wetter umschlägt, wird kurz angehalten und jeder kann an seine Sachen.
Dazu kommen fünf Verpflegungsstationen, Frühstück um 3 Uhr morgens, Gepäcktransport, Übernachtung, Rücktransport und einfach unglaublich viele Menschen, die sich Mühe geben, dass man einen guten Tag auf dem Rad hat.
Besonders hervorheben möchte ich die Leute an den Verpflegungsstationen und das Team im Begleitfahrzeug. Die waren den ganzen Tag freundlich, gut gelaunt und hatten gefühlt immer genau das, was man gerade brauchte.
Die letzten 100 Kilometer
wer jetzt denkt, nach 200 Kilometern wird es einfacher, den muss ich leider enttäuschen.
Nach 200 Kilometern wurde es erst richtig interessant.
Ab ungefähr Kilometer 215 fing es immer wieder an zu schütten. Und nicht so ein bisschen Nieselregen, sondern teilweise richtige Wolkenbrüche.
Die letzten gut 100 Kilometer waren dadurch deutlich härter als gedacht. Irgendwann ist man einfach dauerhaft nass und akzeptiert sein Schicksal.
Trotzdem hat die Gruppe funktioniert. Die Guides haben das Tempo immer wieder angepasst, niemand wurde verheizt und wir sind den ganzen Tag zusammengeblieben.
Wir waren ungefähr 30 Leute. Normalerweise wären es eher 40 gewesen, aber einige hatten kurzfristig abgesagt.
Ankunft in Bensersiel
Als wir endlich in Bensersiel angekommen sind, hat es natürlich pünktlich zum Zieleinlauf einen Wolkenbruch gegeben.
Das war ziemlich scheiße für alle.
Deshalb gab es am Strand eine schnelle Medaillenübergabe, ein schnelles Gruppenfoto und dann möglichst direkt Richtung Jugendherberge.
Dort wartete das, worauf sich wahrscheinlich alle am meisten gefreut haben: eine heiße Dusche.
Und ich kann nur sagen: Nach 333 Kilometern im Sattel und komplett durchnässten Schuhen war das wahrscheinlich die beste Dusche meines Lebens.
Danach gab es Abendessen, ein Finisher-Bier und viele Gespräche mit Menschen, die denselben verrückten Tag erlebt hatten.
Irgendwann habe ich gesagt, dass so eine ERG2Northsea-Cap eigentlich ein ziemlich cooles Finisher-Geschenk wäre.
Darufhin hat Hannes mir seine Cap einfach auf den Kopf gesetzt und geschenkt.
Deshalb an dieser Stelle nochmal tausend Dank, Hannes. Die Cap wird auf jeden Fall in Ehren gehalten.
Der Rückweg
Am nächsten Morgen gab es leckeres Frühstück. Danach konnte man sich noch ein Lunchpaket für die Heimfahrt packen.
Anschließend ging es mit dem Reisebus zurück nach Essen. Die Fahrräder wurden transportiert, man musste sich um nichts kümmern und konnte einfach nur sitzen und müde sein.
Die Grenzen verschieben sich
Das Verrückte an solchen Tagen ist eigentlich nicht die Zahl auf dem Tacho.
Das Verrückte ist, was danach im Kopf passiert.
Vor dieser Tour hatte ich großen Respekt vor 200 Kilometern. Heute habe ich ihn immer noch, aber anders.
333 Kilometer haben mir gezeigt, dass da offensichtlich noch mehr geht, als ich mir zugetraut habe.
Die 300-Kilometer-Marke war für mich immer irgendetwas für die ganz Verrückten. Jetzt bin ich sie selbst gefahren.
Und plötzlich klingt die Idee, mal wieder 200 Kilometer zu fahren, gar nicht mehr so spektakulär.
Vielleicht sogar mit ein paar Höhenmetern.
Manchmal verschieben sich Grenzen schneller, als man denkt.
